Reporter: Rokko, ein deutlicher Heimsieg gegen den FC Sion, ein sehr früher Treffer, danach ein Spiel, das klar in eure Richtung läuft. Wenn man das Ergebnis sieht, könnte man meinen, es lief alles für euch. Wie blickst du auf dieses Spiel zurück?
Rokko: Super analysiert, denn tatsächlich war einer dieser Tage, wo absolut alles für uns lief. Wir haben einen absoluten Sahnetag erwischt, sind perfekt ins Spiel gestartet und haben früh die Kontrolle übernommen. Wenn du so früh in Führung gehst und die Dinge dann auch konsequent zu Ende spielst, kann es schnell deutlich werden. Aber das fällt nicht vom Himmel. Die Jungs waren von der ersten Minute an da, fokussiert, wach und mit der richtigen Einstellung. Das ist für mich der entscheidende Punkt.
Reporter: Du sagst selbst, es war ein Sahnetag. Trotzdem verfällst du nicht in Euphorie, wieso?
Rokko: So ist es. Solche Spiele sind schön, keine Frage. Aber sie dürfen dich nicht blenden. Wir wissen, wo wir herkommen, wir wissen, wie schnell es im Fußball auch wieder in die andere Richtung gehen kann. Deshalb ordne ich das sehr bewusst ein. Wir haben heute vieles richtig gemacht, aber wir werden nicht anfangen, uns dafür selbst zu feiern. Dafür ist die Saison noch viel zu jung.
Reporter: Das Spiel war früh entschieden, der FC Sion kam kaum zur Entfaltung. Trotzdem hast du relativ wenig über den Gegner gesprochen. Warum?
Rokko: Weil ich großen Respekt vor yes937 habe und weiß, dass solche Spiele manchmal einfach laufen, oder eben nicht. Heute lief sehr viel für uns und sehr wenig für Sion. Das kann jedem passieren. Ich finde es wichtig, in solchen Momenten nicht nachzutreten oder alles an einem Spiel festzumachen.
Reporter: Lass uns auf deine Mannschaft schauen. Sieben Spiele, sieben Siege. Das ist ein Saisonstart, wie man ihn sich kaum besser vorstellen kann. Was sagt das über den aktuellen Zustand des FC Thun aus?
Rokko: Es zeigt, dass wir sehr gut gearbeitet haben, sowohl in der Vorbereitung als auch mental. Die Mannschaft hat schnell verstanden, worauf es ankommt. Wir sind stabil, wir sind hungrig, wir haben eine klare Idee davon, wie wir Fußball spielen wollen. Aber auch hier gilt: Es sind sieben Spiele. Das ist ein guter Start, mehr nicht. Entscheidend ist, wie wir mit Rückschlägen umgehen, wenn sie kommen.
Reporter: Ein Name fällt dabei immer wieder: Brighton Labeau. Er ist aktuell kaum zu stoppen und entscheidet Spiele fast im Alleingang. Wie sehr hängt der Erfolg von Thun inzwischen an ihm?
Rokko: Es wäre gelogen zu sagen, dass er aktuell nicht ein extrem wichtiger Faktor ist. Brighton ist in einer herausragenden Form, er trifft, er arbeitet, er zieht die Mannschaft mit. Aber ich warne davor, das zu einfach zu sehen. Fußball funktioniert nicht nach dem Prinzip „ein Spieler gewinnt alles“. Natürlich sind wir aktuell in gewisser Weise abhängig von ihm, was die Effizienz betrifft. Aber die Voraussetzungen dafür schaffen viele andere auf dem Platz. Läufe, Balleroberungen, die richtige Entscheidungen im Spielaufbau – das sieht man nicht immer in den Highlights.
Reporter: Besteht die Gefahr, dass man sich zu sehr auf ihn verlässt?
Rokko: Diese Gefahr besteht theoretisch immer. Genau deshalb ist es meine Aufgabe, das im Hinterkopf zu behalten. Wir dürfen nicht in die Falle tappen, alles auf einen Spieler zuzuschneiden. Brighton weiß das selbst sehr gut. Er ist der Letzte, der Sonderbehandlung einfordert. Und genau das macht ihn auch so wertvoll für uns. Und doch erinnern wir uns noch gut daran, als er letzte Saison mehrere Spiele ausgefallen ist - auch dort haben wir Tore erzielt, so ist es nicht.
Reporter: Ein Blick auf die Tabelle: Sieben Siege, volle Punktzahl. Mit einem weiteren Erfolg könntet ihr mit dem amtierenden Meister aus Lugano gleichziehen und im Idealfall sogar die Tabellenführung übernehmen. Wie sehr beschäftigt euch das intern?
Rokko: Natürlich schaut man auf die Tabelle, das wäre gelogen, wenn ich etwas anderes sagen würde. Aber wir machen uns keinen Druck daraus. Lugano ist der amtierende Meister, sie haben sich diesen Status erarbeitet. Wenn wir die Chance haben, gleichzuziehen oder sogar vorbeizuziehen, nehmen wir das gerne mit. Aber unser Fokus liegt auf dem nächsten Spiel, nicht auf Rechenspielchen.
Reporter: Das Saisonziel Top 3 hast du mehrfach klar formuliert. Stand heute sieht das mehr als realistisch aus. Hat sich an diesem Ziel etwas geändert?
Rokko: Nein. Und das ist mir ganz wichtig zu betonen. Unser Ziel bleibt die Top 3. Nicht mehr, nicht weniger. Alles, was darüber hinausgeht, ist Bonus. Wir wollen konstant bleiben, weiter punkten und uns eine gute Ausgangslage verschaffen. Wenn du anfängst, Ziele ständig nach oben zu korrigieren, verlierst du irgendwann den Realismus.
Reporter: Trotzdem spürt man rund um den Klub eine wachsende Euphorie. Auch im Stadion heute war eine besondere Stimmung zu merken.
Rokko: Das freut mich extrem. Genau dafür machen wir das. Die Fans identifizieren sich mit der Mannschaft, sie sehen, dass die Jungs alles reinwerfen. Ich bin bekanntermaßen ja Schalker - in dem Umfeld konnte man eine Zeit lang das Wort "malochen" nicht mehr hören. Ich denke das beschreibt aber ganz gut, was unsere Jungs hier von der ersten bis zur letzten Sekunde machen. Diese Verbindung ist etwas ganz Besonderes. Aber auch hier gilt: Wir dürfen diese Energie nutzen, dürfen uns aber nicht von ihr treiben lassen.
Reporter: Neben der Liga rückt mit jedem Spieltag auch die Champions League näher. Spürst du, wie die Vorfreude wächst?
Rokko: Definitiv. Von Tag zu Tag. Das ist ein Wettbewerb, von dem man als Trainer und Spieler träumt. Für einen Verein wie Thun ist das alles andere als selbstverständlich. Die Jungs freuen sich riesig darauf, sich auf dieser Bühne messen zu dürfen.
Reporter: Dort wartet bekanntlich ein Feld voller Favoriten. Wie blickst du auf diese Herausforderung?
Rokko: Mit Respekt, aber ohne Angst. Wir wissen, dass wir in vielen Spielen der Außenseiter sein werden. Aber genau das kann auch eine Chance sein. Wir haben nichts zu verlieren. Wenn wir es schaffen, unsere Prinzipien beizubehalten, mutig zu bleiben und als Einheit aufzutreten, können wir den einen oder anderen Favoriten vielleicht ärgern. Und genau darauf freuen wir uns.
Reporter: Geht es in der Champions League eher um Erfahrung oder um Ergebnisse?
Rokko: Beides. Erfahrung sammeln ist wichtig, keine Frage. Aber ich bin kein Freund davon, irgendwo nur mitzuspielen. Wir wollen konkurrenzfähig sein, wir wollen Punkte holen, wir wollen zeigen, dass wir da hingehören. Wie weit das am Ende reicht, wird man sehen.
Reporter: Abschließend gefragt: Was nimmst du aus diesem Sieg gegen Sion für die kommenden Wochen mit?
Rokko: Die Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Dass harte Arbeit belohnt wird. Aber auch die Verantwortung, jetzt nicht nachzulassen. Der Weg ist noch lang, die Herausforderungen werden größer. Aber genau darauf haben wir Lust. Die ganz dicken Brocken der Liga stehen noch an, da wird sich zeigen, ob dieser Saisonstart wirklich gut war.
Reporter: Danke dir, Rokko.
Rokko: Sehr gerne.
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